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Tourismus

Wirtschafts-ordnung

Für einen massvollen Tourismus


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Thesen zur aktuellen Problematik
1. Tourismus verursacht Abfall, verbraucht Rohstoffe und Energie und zusätzlichen Flächenverbrauch sowie Landschaftsver-siegelungen.
2. Für die Tourismustragfähigkeit («carry capacity») eines Ortes entscheidend sind
- die physische Kapazität: Anzahl der Touristen, die in einer Gegend untergebracht werden können,
- die Umweltkapazität: Anzahl von Besuchern, die empfangen werden können, ohne dass sich die Anziehungskraft des Ortes verringert,
- die ökologische Kapazität: Anzahl von Touristen, welche ohne Schäden für die Ökologie empfangen werden können,
- die soziale Tragfähigkeit: Anzahl von Touristen ohne substanzieller Schaden für die einheimische Kultur.
3. Werden diese Grössen überschritten, muss man von Übertourismus (overtourism) sprechen.


Lösungsansätze
- Für eine CO
2-reduzierende Strategie des Reisens:
+ Reduktion der Zahl der Fernreisen und stärkere Ausrichtung auf nähere Destinationen,
+ Statt Kurzaufenthalten längere Verweildauer an den Tourismus-Destinationen,
+ Wechsel der Transportmittel: statt Flugzeug und PKW mehr Bus- und Bahnfahrten, Vermeidung von Kreuzfahrten,
+ Anreize für Tourist*innen zur Nutzung energieeffizienter Transportmittel
+ verstärkter Konsum von Produkten und Dienstleistungen, welche geringe CO
2-Austösse oder andere Emissionen verursachen.
- Für die Erstellung eines weltweiten Katasters für Tourismus-Destinationen mit örtlichen und zeitlichen Höchst-Auslastungszahlen
- Aufnahme der externen Kosten in die Tourismus- und Ferienpreise (Verursacher-prinzip)

Diskussion
Der Tourismus hat viele positive ökonomische und soziale Auswirkungen, unter anderem die Schaffung von standortbezogenen Arbeitsplätzen, Angebot von Jobs gerade auch für wenig Qualifizierte, direkte und induzierte regionalwirtschaftliche Effekte, Entwicklungsimpulse für wenig entwickelte Gebiete, Diversifizierung der Wirtschaft etwa in rein landwirtschaftlichen Gebieten, Erhalt lokaler kultureller Ressourcen, Bau von Infrastruktureinrichtungen wie Kläranlagen usw. (vgl. Strasdas 2017:19f.). Doch alle diese Vorteile können sich schnell in ihr Gegenteil verkehren, wenn sie übermässig oder einseitig kommerziell genutzt werden: An tourismuspezifischen Arbeitsplätzen werden oft Dumpinglöhne bezahlt, der Tourismus führt zu Verkehrsüberlastung oder zu Übertourismus, der Tourismus marginalisiert andere Erwerbsbereiche, die einheimische Kultur wird zur touristischen Folklore und die Errichtung von Infrastrukturprojekte beschränkt sich auf die unmittelbare Umgebung von Tourismusanlagen.
Vor Corona der Tourismus weltweit der am zweitschnellsten wachsende Wirtschaftssektor. Sein Anteil am Weltsozialprodukt betrug 2018 10,4% (vgl. Muntschik 2019:10).
Massentourismus kommt nicht nur quantitativ sondern auch qualitativ zunehmend an seine Grenzen. Rate et al. (2018:5) glauben dass immer mehr Reisende ganzheitliche Modelle der Erholung suchen, also Angebote, welche Körper, Seele und Geist ansprechen. Statt «Reise-Konsumenten» («consumers») gebe es immer mehr «Tansumenten» («transumers»), welche statt Vielfalt und Zerstreuung Vertiefung und persönliche Entwicklung suchten. Gleichzeitig richten sich die Touristen mehr und mehr auf digitale Angebote und Dienstleistungen aus. Ein neuer Typ von Touristen sei der so genannte «Prosument» («prosumer», Rate et al. 2018:8), der aktiv in das Designen des Reiseprodukts einbezogen wird – interaktiv, proaktiv und reaktiv.
So werden abgeschirmte Infrastrukturanlagen errichtet, die nur von Tourist*innen genutzt werden können, nicht aber von Einheimischen. Privatstrände von Hotels oder Touristenresorts bleiben für die Einheimischen gesperrt, teilweise verhindern sie auch den Zugang für einheimisches Gewerbe wie den für den Fischfang lebenswichtigen Zugang zum Meer (vgl. Kirstges 2020:59).
Im Zusammenhang mit Fragen des Overtourism haben Peeters et al. (2018:26) folgende Eckpunkte für den wünschenswerten Umfang von Tourismus definiert:
- Ökologische Kapazität: nur so viel Tourismus, als damit die Umwelt nicht belastet wird.
- Physikalische Gegebenheiten: Touristische Projekte und Erholungsaktivitäten dürfen die natürlich-physikalische Umgebung nicht beeinträchtigen.
- Sozio-perzeptive Kapazität: kein Tourismus, der aufgrund kultureller oder ökologischer Beeinträchtigungen zur Ablehnung durch die Einwohner führt.
- Ökonomische Tragfähigkeit: Touristische Aktivitäten dürfen nicht andere wirtschaftliche Tätigkeiten marginalisieren, übermässig konkurrenzieren oder zerstören.
- Psychologische Kapazität: jedes overcrowding, mit dem die Einheimischen nicht mehr umgehen können, ist zu vermeiden.
Im Mittelmeer war der Tourismus 2017 für 52% aller Abfälle verantwortlich (vgl. Réau und Guibert 2020:3)  und im gleichen Jahr stiessen die 47 Schiffe der Carival Corporation & PLC, zu der auch Costa Croisières, P&O, Aida Croisières, Priness, Cunard Line, Seaborne und Holland-America Line gehören, zehnmal so viel Schwefeloxide aus wie sämtliche 260 Millionen PKWs Europas, obwohl dies noch nicht einmal ein Viertel der europäischen Kreuzfahrtschiffe sind (vgl. Réau und Guibert 2020:3 sowie Transport & Environment 2019:6). Selbst beim so genannten «Naturtourismus» ist der ökologische Fussabdruck in vielen Fällen sehr gross – allzu oft zu gross.
Overtourism zeigt sich einerseits in einer physischen Überlastung – zu viele Leute an einem Ort zu einer bestimmten Zeit ohne Kontrolle oder Regulierung des Besucherstroms – und anderseits in der psychologischen Wahrnehmung durch die Einwohner – das Gefühl, durch den Tourismus oder die Touristen eingeengt oder eingeschränkt zu werden (vgl. Visentin und Bertocchi 2019:30). Übertourismus kann auch zu einer touristischen Gentrifizierung einzelner Quartiere oder Orte führen, wie etwa in Palma de Mallorca durch Touristenrestaurants, Hotels, Souvenirläden usw., wo jährlich von bis zu 12 Millionen Besucher eintreffen (vgl. Blázquez-Salom et al. 2019:39). Umgekehrt zwingt die touristische Gentrifizierung Einwohner ohne Grund- oder Wohneigentum dazu, von Touristen frequentierten Zentren oder Örtlichkeiten zu verlassen.
Bekannte Hotspots von Übertourismus sind unter anderem Venedig, Mallorca und besonders die Inselhauptstadt Palma de Mallorca, die spanischen Städte Barcelona, Bilbao, San Sebastian und Madrid, Dubrovnik, Amsterdam, einzelne Stadtteile von Lissabon, Salzburg, Berlin und Hamburg, Hallstatt im Salzkammergut, und Passau (vgl. Kirstges 2020:106ff.).
Im Jahr 2017 lancierten in verschiedenen Städten Anti-Tourismus-Aktivist*inn
en Kampagnen gegen den Tourismus oder gegen Touristen, so in Barcelona, Venedig, Palma de Mallorca, Amsterdam, Bhutan und Dubrovnik (vgl. Kuščer und Mihalič 2019:4). Es gab teilweise virulente antitouristische Proteste in San Sebastián, in Rom und Dubrovnik, und an einigen Orten kam es zu Protesten gegen Kreuzfahrttouristen.
In Zukunft werden die Zieldestinationen und auch die Reiseanbieter kaum darum herumkommen, die Touristenzahlen nach oben zu begrenzen und Touristenkontingente einzuführen.
Ein altes Problem im Tourismus – wie auch in anderen Wirtschaftszweigen – ist die Schwierigkeit, dass die Nachfrager längst nicht alle Kosten bezahlen und dass ein erheblicher Teil der Tourismuskosten externalisiert, also der Allgemeinheit aufgebürdet werden. Dazu gehören die meisten Umweltschäden – so etwa die Klimaerwärmung durch die Emission von Treibhausgasen, die Abfallproblematik, der Wasserverbrauch an den Tourismusdestinationen, Infrastrukturkosten, lokale Umweltbelastungen usw. Aus diesem Grund ist auch für den Tourismus zu fordern, dass die Verursacher – also die Touristen – sämtliche externalisierten Kosten mitübernehmen. Das wird zwar das Reisen erheblich verteuern, aber auf lange Frist dürfte das unumgänglich sein.
Bereits werden an einzelnen Orten zum Schutz der Natur lokale Auslastungszahlen errechnet, um einerseits eine optimale Tourismusdichte und anderseits eine Tragbarkeitsgrenze zu definieren. Dabei muss die Bevölkerungsgrösse, der erforderliche Schutz von Natur und Umwelt und auch die Kapazität der lokalen Infrastruktur berücksichtigt werden (vgl. Newsome et al. 2013:244). Chen et al. (2015:155) haben das bereits für China vorgeschlagen.

Forum

Angeführte Literatur
-
Blázquez-Salom, Maciá / Blanco-Romero, Asunción / Carbonell, Jaime Gual / Murray, Ivan
2019:  Tourist Gentrification of Retail Shops in Palma (Majorca). In:
Milano, Claudio / Cheer, Joseph M. / Novelli, Marina (Hrsg.): Overtourism. Excesses, Discontents and Measures in Travel and Tourism. Oxfordshire/Boston: CABI. 39ff.
- Chen, Anze / Lu, Yunting / Ng Young C.Y.
2015:  The Principles of Geotourism. Beijing/Heidelberg: Science Press/Springer.
- Cook, Roy A. / Hsu, Cathy H. C. / Taylor, Lorraine L.
2018:  Tourism. The Business of Hospitality and Travel. Sixth Edition. London/New York: Pearson.
- Kirstges, Torsten H.
2020:  Tourismus in der Kritik. Klimaschädigender Overtourism statt sauberer Industrie? München: UVK Verlag.
- Kuščer, Kir / Mihalič, Tanja
2019:  Residents’ Attitudes towards Overtourism from the Perspective of Tourism Impacts and Cooperation – The Case of Ljubljana. In: Sustainability 11/6 (2019) 1823.
- Muntschick, Verena
2019:  Überblick: Kontext, Kontrast, Konsequenzen. In: Zukunftsinstitut. Trendstudie: Der neue Resonanz-Tourismus. Herzlich willkommen. Frankfurt/Main: Zukunftsinstitut. 10ff.
- Newsome, David / Moore, Susan A. / Dowling, Ross K.
2013:  Natural Area Tourism. Ecology, Impacts and Management. 2 nd
Edition. Bristol/Buffalo/Toronto: Channel View Publications.
- Peeters, P., Gössling, S., Klijs, J., Milano, C., Novelli, M., Dijkmans, C., Eijgelaar, E., Hartman, S., Heslinga, J., Isaac, R., Mitas, O., Moretti, S., Nawijn, J., Papp, B. and Postma, A.
2018:  Overtourism. Impact and Possible Policy Responses. Research for TRAN Committee. Brussels: European Parliament. Policy Department for Structural and Cohesion Policies.
- Rate, Shirley / Moutinho, Luiz / Ballantyne, Ronnie
2018:  The New Business. Environment and Trends in Tourism. In: Moutinho, Luiz / Vargas-Sánchez, Alonso (Hrsg.): Strategic Management in Tourism. 3 rd Edition. Oxfordshire/Boston: Cabi. 1ff.
- Réau, Betrand / Guibert, Christophe
2020:  Wie geht guter Tourismus? In: Le Monde Diplomatique (deutschsprachige Ausgabe Schweiz). Juli 2020. 3.
- Strasdas, Wolfgang
2017:  Einführung Nachhaltiger Tourismus. In: Rein, Hartmut / Strasdas, Wolfgang (Hrsg.): Nachhaltiger Tourismus. Einführung. 2., überarbeitete Auflage. Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft. 13ff.
- Transport & Environment
2019:  European Federation for Transport an Environment: One Corporation to Pollute them All. Luxury Cruse Air Emissions in Europe. Brussels: Juni 2013. Link.
- Visentin, Francesco / Bertocchi, Dario
2019:  Venice: An Analysis of Tourism Excesses in an Overtourism Icon. In: Milano, Claudio / Cheer, Joseph M. / Novelli, Marina (Hrsg.): Overtourism. Excesses, Discontents and Measures in Travel and Tourism. Oxfordshire/Boston: CABI. 18ff.


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Buchhinweise  
Christian J. Jäggi:

Tourismus vor, während und nach Corona. Ökonomische und gesellschaftliche Perspektiven.
Wiesbaden: Springer Gabler. 2021. Erscheint im zweiten Halbjahr 2021.
Zum Inhalt:
Nicht erst durch die Corona-Pandemie, sondern schon vorher hat sich der internationale und nationale Tourismus verändert. Die Bedeutung des Tourismus ist je nach Land sehr unterschiedlich – so generiert der Tourismus in Thailand 20% des Bruttoinlandprodukts, in der EU sind es vielleicht 10%, in der Schweiz gegen 7%. Als Folge von Covid-19 hat der internationale und globale Tourismus in den meisten Ländern abgenommen, aber in vielen Ländern – so in Österreich oder in der Schweiz – hat der binnenstaatliche Tourismus zugelegt. Die grosse Frage ist, ob der Einbruch im globalen Tourismus ein vorübergehender ist, oder ob sich eine eigentliche Trendumkehr abzeichnet. Für ersteres spricht, dass wachsende Mittelschichten in Asien, aber auch Lateinamerika und Afrika über grössere finanzielle Möglichkeiten verfügen, für letzteres sprechen die vielen ökologischen Auflagen und der Kampf gegen den Klimawandel. Ausgehend von der Entwicklung des Tourismus seit der Jahrtausendwende werden diese und ähnliche Fragen zum Tourismus diskutiert.
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